Email und mehr… Übungen der Verweigerung

(Stand: 2025-03-23, 11.26.58)

Eines Tages1 werde ich notieren, wie ich versuchen will, mich den wichtigen Dingen zu widmen. Dem, was ich nicht Arbeit nennen will, sondern lieber meine Sache. Im Rahmen dieser Website meint dies vor allem Forschung und Lehre, statt bloß der Verwaltung. Zur Zeit habe ich nur das (und im Moment nicht einmal das): Übungen, Versuche, manchmal hilflose Bemühtheit, die von außen seltsam aussehen mag und sich von meiner Position aus auch nicht besser anfühlt, und doch… Die folgenden Übungen gehen von einer einfach zu formulierenden aber gar nicht einfachen Prämisse aus: es ist möglich, einen Umgang mit Kommunikationstechnologien zu finden, der Aneignung, Experiment und ernstes Spiel ermöglicht. Der Umstand, dass es mir aktuell und schon länger nicht möglich ist, darf trotz seiner lebenspraktischen Evidenz nicht als Widerlegung der Prämisse gelten.

(An dieser Stelle wurde ein Ableger2 abgeschnitten, ausgeschnitten, verschoben, wie Beute an einen sicheren Ort gebracht, abgleiten, abdriften…)

Heute, am 22. März 2025 notiere ich kurz den schon lange zuvor gefassten Entschluss, die Kommunikation per Email auslaufen zu lassen. Ich bin der Überzeugung, dass es verloren ist, nicht in dieser Weise mehr genutzt werden kann, vielleicht nur noch als Mittel der Kunst und Literatur, oder nur noch für Liebeskommunikation. Nur noch per Post erreichbar, ich erkläre: es gibt keine Dringlichkeiten mehr, die etwas anderes erfordern. Wer bin ich denn, dass es auf jeden Tag ankommt, um mich zu erreichen oder meine Antwort zu erhalten?3 Und Kostenersparnis (Port, Holz, etc.) ist eine schlechte Ausrede.

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Es müsste an dieser Stelle eine längere Erörterung über die Probleme der ständigen Erreichbarkeit folgen, doch habe ich die dazu einschlägigen Texte nicht gelesen. Vielleicht hat es etwas mit dem zu tun, was Urs Stäheli die Logik der Vernetzung nennt, welche nicht mehr erlaubt, etwas anderes als Verbindungen herzustellen.4 “Was dem Netzwerker abgeht, ist die Fähigkeit des Kappens von Verbindungen, fehlschlagende Verbindungen auszuhalten oder gar die Nicht-Verbindung anzustreben und zu genießen.”5 Aber dann denke ich, dass die Formen aktueller Erreichbarkeit, ihr normatives Geflecht gegenseitiger Erwartungen und Erwartungserwartungen und die Gründe für einen anderen Umgang damit zwar etwas mit den Fragen der Vernetzung zu tun haben, darauf aber weder zurückgeführt werden können noch in diesen aufgehen. Z.B. erkennt man in jenen Formen der Kommunikation und ihrer Medien (in einem weiten Sinn) vor allem auch “Funktion und Folgen formaler Organisationen”6, Formen der Macht und Herrschaft als Medium sozialen Zusammenhangs, und eine Eigenform der entsprechenden (Verbreitungs-)Medien selbst, d.h. ihre qualitative Beschaffenheit als Medien. Man müsste… darüber schreiben denke ich, doch mich verlässt der Mut, auch die Überzeugung, warum ‘müsste’ man? Wer ist ‘man’? Woher kommt dieses ‘müssen’? Ich habe natürlich Vermutungen darüber, denke, es ist der wissenschaftliche Imperativ zum Verstehen als Beschreiben und Erklären, die Macht der scientific community, dieser Witz von Euphemismus, usw. Folge ich aber diesem, verliere ich meine Frage aus dem Blick, noch schlimmer: aus den Händen, nämlich die Frage: was tun, wie etwas anderes tun, von dem ich noch nicht wissen kann, welchen Gesetzen es folgt, außer, dass es unterbrechen soll, was immer das gerade ist, weil das gerade eben nicht mehr geht (d.h. nicht mehr ‘erträglich’ ist – kann man jetzt so oder so verstehen). Kurz: “Aneignung, Experiment und ernstes Spiel” ist möglich, die Analyse der bestehenden Zusammenhänge im Modus (wissenschaftlicher) Kritik ist dafür aber nicht notwendig. Im Gegenteil: sie ist doch, lässt sich zeigen, selbst diesen Zusammenhängen so unterworfen, dass von ihnen ein Ausweg zu erwarten, bestenfalls naiv wirkt, wenn nicht schon in der Absicht unehrlich.

Wenn ich auf eine solche Analyse der Probleme der Erreichbarkeit allerdings verzichte, könnte mein Ausgangspunkt (der mehr Ausgangspunkt als schon Diagnose ist), zu schnell als bloße “Standardsituation der Technologiekritik”7 (Passig) verstanden werden, wer weiß: vielleicht sogar sein. Heute mag das gar nicht mehr so schlimm wirken wie damals noch, zur Zeit avantgardistischer (d.h. eliterer, nennt sich selbst eher nerdiger) Technologiebegeisterung, doch ist es als Standardsituation, d.h. als Reflex noch immer so falsch wie es schon immer war. Das Problem hier die Selbstverständlichkeit.

Was zu zeigen wäre, ist, dass jene ständige Erreichbarkeit nicht nur historisch neu, sondern vor allem a) nicht notwendig ist, zugleich b) als notwendig erscheint und dadurch c) praktisch notwendig wird, jedoch d) die Arbeit am Eigenen8 (an einem wirklich Eigenen, Idiosynkratischen, nicht sogleich wieder oder schon längst als authentisch im Spiel der Konkurrenz Instrumentalisierbaren) zersetzt, da es e) ganz und ausschließlich auf äußeren Zwängen der Erwartungsabhängigkeiten und ihren (organisationalen, subjektiven leib-körperlichen, usw.) Verinnerlichungen beruht, und damit f) dieses Äußerliche zum Maßstab erklärt, durch g) die implizite Behauptung desselben.9

Das Problem (oder ist es meine Überzeugung? oder nur eine plausible Annahme, weil alle anderen Versuche der Analyse im Spiel bislang nicht nur gescheitert sind, sondern zur dramatischen Verschlimmerung der Situation beigetragen haben – immer Teil des Problems, nie Teil der Lösung waren?) ist, dass der Nachweis dieser Zusammenhänge nicht im üblichen Spiel der Argumente erfolgen kann, sondern nur im Abschweifen selbst. In den Ausweichbewegungen, dem Kleinen, dem Zögern, der Verlangsamung, dem Aufzeigen der Alternativen, die selbst sich nicht behaupten wollen, wie sie es niemals riskieren können, zur Waffe zu werden und so das Spiel nur fortzusetzen verdammt zu sein. Und: Würde ich es dann bemerken, wenn mir ein Nachweis gelungen wäre? Würde es ein:e Andere:r?

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Das also ist die erste Übung der Verweigerung. Taktik, Arbeit am Sozialen, d.h. an einer Kommunikationsform auf Höhe der Zeit10. Nur in den Fluchten werden Schwer- und Fliehkräfte spürbar.

(Work in progress…)

Anmerkungen

  1. Bis zum 10. März 2025 (und ich weiß nicht genau seit wann) stand hier: “Im Folgenden…” nur folgte dann nichts, nicht hier zumindest. Der Aufschub des Versprechens, der an seine Stelle getreten ist, mag nun wie ein Scheitern wirken, oder ist es vielleicht die erste der vielen Übungen? ↩︎
  2. Vgl. Barthes, Roland. 2016. Die Vorbereitung des Romans: Vorlesung am Collège de France 1978 – 1979 und 1979 – 1980. Hg. von Éric Marty, Nathalie Léger, und Horst Brühmann. 4. Aufl. edition suhrkamp 2529. Frankfurt am Main: Suhrkamp. S. 173, 239 f., 291, 304.  ↩︎
  3. “Danke für die Bevorzugung asynchroner und offen zugänglicher Kommunikation”, schreiben Tina Piazzi und Stefan M. Seydel hier. Das mit dem asynchronen will ich versuchen, radikal, ich bin doch dabei das größte Problem; das andere ist eine Postkarte, nicht? Natürlich nicht, aber die Idee! ↩︎
  4. Vgl. Stäheli, Urs. 2013. Entnetzt euch! Praktiken und Ästhetiken der Anschlusslosigkeit. Mittelweg 36, Nr. 4: 3–28. ↩︎
  5. Stäheli, Urs. 2013. Entnetzt euch! Praktiken und Ästhetiken der Anschlusslosigkeit. Mittelweg 36, Nr. 4: 4. ↩︎
  6. Vgl. Luhmann, Niklas. 1976. Funktionen und Folgen formaler Organisation. Berlin: Duncker & Humblot. ↩︎
  7. Passig, Kathrin. 2013. Standardsituationen der Technologiekritik. Orig.-Ausg., 1. Aufl. edition unseld 48. Berlin: Suhrkamp. ↩︎
  8. Die mir wichtige Reformulierung des problematischen Begriffs des ‘Eigentlichen’. ↩︎
  9. Die Folgen sind eine Durchsetzung von Zählbarkeit des Ausstoßes, (aka ‘quantifizierbarer Output’) vor jeder Frage nach der Qualität, die Abwertung alles Zögerns, jeder Verlangsamung, aller Ausschmückung und Verausgabung (Robert Hertz), die Bürokratisierung des Wissens, die Vernichtung der Kunst, der Aufstieg der Anwendungsorientierung als Formel der Neoliberalisierung der Hochschulen, und das Paradigma der Nützlichkeit vor Wahrheit, Sicherheit vor Freiheit, usw. ↩︎
  10. Vgl. Piazzi, Tina und Stefan M Seydel. 2009. Die Form der Unruhe: Band 1 – Das Statement. Die aktuelle Metamorphose der Sozialen Frage: Vom Buchdruck zum Computer. Collagierung eines Suchprozesses zum Umgang mit Informationen. Bd. 1. Hamburg: Junius. Vgl. auch: dfdu.org. ↩︎